Anlässlich des Tages der Hanse luden die Handelsgesellschaft Lippstadt, die Wirtschaftsförderung Lippstadt und die Stadt Lippstadt zu einem Vortragsabend unter dem Titel „Der Traum vom ehrbaren Kaufmann“ ein. Referent des Abends war der Historiker Prof. Dr. Hiram Kümper, der vor zahlreichen interessierten Gästen die Geschichte der Hanse beleuchtete und zugleich ihre Bedeutung für aktuelle wirtschaftliche und gesellschaftliche Fragestellungen herausarbeitete.
Zu Beginn der Veranstaltung erinnerte die stellv. Vorsitzende der Hansegesellschaft Sabine Pfeffer an die enge Verbindung Lippstadts mit der internationalen Hanse. Die Stadt hatte im Jahr 2007 den Internationalen Hansetag ausgerichtet und dabei wichtige Impulse für die moderne Hansebewegung gesetzt. Mit der Einführung der HanseArtWorks sowie der Wirtschaftshanse seien Formate entstanden, die bis heute fester Bestandteil der internationalen Hansetage sind. Die Hanse habe bereits vor Jahrhunderten Grundprinzipien verwirklicht, die heute unter Begriffen wie Freihandel, Vernetzung und Globalisierung diskutiert werden.
Die stellvertretende Bürgermeisterin Frau Thoma griff in ihrem Grußwort den Gedanken der Zusammenarbeit auf. Die gemeinsame Ausrichtung der Veranstaltung durch Handelsgesellschaft, Wirtschaftsförderung und Stadt sei selbst Ausdruck des Hansegedankens. Anhand einer Brötchentüte des Lippstädter Hansebrots, die anlässlich des Hansetages 2007 entstanden war, verdeutlichte sie, wie aktuell die hanseatischen Werte bis heute geblieben seien. Mehrere Bäckereien hatten damals gemeinsam ein Produkt entwickelt und damit gezeigt, dass Kooperation häufig erfolgreicher ist als Konkurrenz. Das Motto „Zusammen sind wir stärker“ sei auch in einer zunehmend digitalen und komplexen Welt von hoher Aktualität. Gerade Vertrauen, Verlässlichkeit und verantwortungsvolles Handeln gewinnen in Wirtschaft und Gesellschaft wieder an Bedeutung.
In seiner Einführung würdigte Franz Ulrich Lücke das wissenschaftliche Werk von Prof. Dr. Hiram Kümper. Dieser habe mit seinem Buch eine bemerkenswerte Verbindung zwischen mittelalterlicher Handelsgeschichte und modernen Fragen der Wirtschafts- und Unternehmensethik geschaffen. Die Hanse werde darin nicht als abgeschlossenes historisches Phänomen betrachtet, sondern als Quelle von Erkenntnissen für heutige Wirtschaftsstrukturen.
Im Mittelpunkt des Abends stand anschließend der Vortrag von Prof. Dr. Hiram Kümper. Der Historiker führte die Zuhörer zunächst in die Entstehungsbedingungen der Hanse ein. Im Europa des 12. Jahrhunderts gelang es zunehmend, die reine Subsistenzwirtschaft zu überwinden. Landwirtschaftliche Überschüsse ermöglichten Märkte, Spezialisierung und arbeitsteilige Produktion. Gleichzeitig entstanden zahlreiche neue Städte, die sich zu Zentren von Handwerk, Gewerbe und Handel entwickelten. In diesem Umfeld bildeten sich die ersten Hansen – Zusammenschlüsse von Kaufleuten, die gemeinsam handelten, Risiken teilten und sich auf ihren oft weiten und gefährlichen Handelsreisen gegenseitig schützten.
Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg war die Gründung Lübecks, das später zum organisatorischen Mittelpunkt der Hanse wurde. Dabei sei Lübeck weniger als herrschende Zentrale zu verstehen gewesen als vielmehr als koordinierendes Netzwerkzentrum. Die Stärke der Hanse habe nicht in einer straffen Organisation gelegen, sondern in ihrer bemerkenswerten Flexibilität.
Besonders eindrucksvoll schilderte Kümper die wirtschaftlichen Erfolgsfaktoren des hansischen Handels. Kaufleute beteiligten sich häufig gemeinsam an Schiffen und verteilten ihre Investitionen auf unterschiedliche Waren und Handelsrouten. Diese Form der Risikostreuung, die heute als Diversifikation bekannt ist, machte das System vergleichsweise widerstandsfähig gegenüber Krisen. Gleichzeitig basierte der Handel auf persönlichen Partnerschaften, kurzfristigen Geschäftsbeziehungen und einem weit verzweigten Netzwerk aus Verwandten, Freunden und Geschäftspartnern. Vertrauen war dabei die entscheidende Währung.
Ein weiteres Merkmal der Hanse war ihre besondere Organisationsform. Obwohl die Hanse über Jahrhunderte hinweg erheblichen wirtschaftlichen Einfluss ausübte, verfügte sie weder über feste Mitgliedslisten noch über eine zentrale Verwaltung. Gerade diese bewusst gewählte Unschärfe machte sie anpassungsfähig und erfolgreich. Die Hanse war weniger eine Institution als vielmehr ein Netzwerk gemeinsamer Interessen.
Auch die Rolle Westfalens nahm im Vortrag breiten Raum ein. Städte wie Dortmund, Münster, Soest oder Lippstadt profitierten von ihrer Lage an wichtigen Handelswegen zwischen Nordsee, Ostsee und dem europäischen Binnenland. Gerade die kleineren westfälischen Städte hielten noch lange an der Hanse fest und trugen dazu bei, ihre Traditionen über Jahrhunderte lebendig zu halten.
Auf die Frage nach dem Erfolg der Hanse verwies Kümper vor allem auf ihren Informationsvorsprung. Kaufleute verfügten über ein enges Netz von Kontakten und tauschten kontinuierlich Informationen über Preise, Märkte und Geschäftsmöglichkeiten aus. Die Hanse reduzierte zudem Transaktionskosten, schuf Rechtssicherheit und setzte gemeinsame Privilegien durch. Als jedoch mit Buchdruck, wachsendem Atlantikhandel und einer breiteren Verfügbarkeit von Informationen diese Vorteile schwanden, verlor die Hanse nach und nach ihre wirtschaftliche Sonderstellung.
Im letzten Teil seines Vortrags richtete Kümper den Blick auf die Gegenwart. Der Begriff des „ehrbaren Kaufmanns“ sei heute aktueller denn je. Verlässlichkeit, Verantwortung, faire Geschäftspraktiken und gesellschaftliches Engagement gehörten weiterhin zu den Grundlagen erfolgreicher Wirtschaftens. Während diese Werte im Mittelalter religiös begründet worden seien, wirkten sie heute vor allem über Reputation und Transparenz. Wer Vertrauen verspiele, verliere langfristig auch wirtschaftliche Chancen.
Kümper betonte, dass gerade in einer Zeit, in der globale Wirtschaftsstrukturen zunehmend hinterfragt würden, regionale Netzwerke und freiwillige Kooperationen wieder an Bedeutung gewannen. Die moderne Hanse könne dabei als Beispiel dienen, wie gegenseitige Verpflichtung, gemeinsame Werte und persönliche Beziehungen wirtschaftlichen Erfolg fördern.
Zum Abschluss warb der Historiker jedoch für einen differenzierten Blick auf die Hanse. Neben Vertrauen und Zusammenarbeit habe sie ihre Interessen durchaus auch mit wirtschaftlichem Druck und Machtmitteln durchgesetzt. Gerade diese Ambivalenz mache die Hanse zu einem spannenden Lernfeld der Geschichte. Mit lang anhaltendem Applaus bedankten sich die Gäste beim Referenten für seinen ebenso fundierten wie anregenden Vortrag, der eindrucksvoll die enge Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart verdeutlichte.


